Monika Bradatsch: Lied der Berge

Hörst du das Lied der Berge, klingt es im Ohr, wenn man die Bergbilder des Malers Thomas Beecht betrachtet. Ein allgegenwärtiges Gefühl, von der alpinen Welt umgeben zu sein, stellt sich ein. Egal, ob man den großformatigen Gemälden oder den kleinen Werken seine Aufmerksamkeit schenkt, man wähnt sich in diesen Landschaften oder ist Akteur einer Bergbesteigung.
Nahe dem Gipfel erspäht man die an den Flanken des Berges herauf kriechenden Nebelschwaden und spürt das feine Nieseln dieser feuchttrockenen Kälte genauso wie die wärmenden Sonnenstrahlen eines heraufziehenden Morgens unter klirrend kaltem, eisblauem Himmel. Ein blitzschnelles Umschlagen des Wetters, wie es in diesen Regionen häufig vorkommt, ist ebenso denkbar wie eine tagelang anhaltende Großwetterlage, die Wanderer und Bergsteiger euphorisch stimmt oder in die Knie zwingt und eins werden lässt mit dieser Natur.
Real, zum Greifen nahe wirkt die Malerei. Die Farben sind der Wirklichkeit nachempfunden, spiegeln in ihrem Weiß die kistalline Struktur von Schnee und Schönwetterwolken, in ihrem Grau und Blau die Griffigkeit und Schattierung der Felsen und die Tiefe und Weite des Himmels. Spärlich ist die Vegetation und somit das Vorhandensein der Farbe Grün oberhalb der Baumgrenze, dem Bereich des bevorzugten Motivs des Malers. Der Mensch wird nicht vermisst in dieser Gegend, fügt sich aber, wenn er in dieses Gebiet vordringt, ein, wird Teil des Berges, dessen Übermacht immer spürbar bleibt.
Es besteht kein Raum für Kitsch oder für heile-Welt-Alpenfolklore, wie sie vermeintlich oft mit diesem Thema assoziiert wird. Kein röhrendes Rotwild und kein kleines Bächlein rauschend zieren die Leinwände, keinerlei Verniedlichungen überladen das Geschehen. Der Blick des Betrachters trifft auf Erhabenheit und auf eine sich im Fluss befindende Stetigkeit hochalpiner Kulisse. Namhafte Gipfel aus dem Hochgebirge, wie u.a. die Geislerspitzen, die Marmolata und das Matterhorn sind auf den einzelnen Bildern zu sehen.
In freier Natur skizziert, vollendet Thomas Beecht diese Landschaften in seinem Atelier in München zu Ölgemälden. Seine Bergbilder haben Einzug gehalten in Museen, die diese Thematik bevorzugt behandeln, wie z.B. das Alpine Museum in München oder die Messner Mountain Museen in Südtirol.
Beim Anblick dieser Bilder wird der Betrachter in so mannigfacher Weise in einen Bann mystisch archaischer Emotionen gezogen, immer das gleiche Motiv, aber nie die selbe Empfindung. Ein Reigen, ein Lied, ein Reigenlied der Berge.

Monika Bradatsch, 2010


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Valerie Masyuta: "Flucht in die Berge" (2009) von Thomas Beecht

Es ist die leuchtende Farbigkeit des großformatigen Gemäldes, die den Betrachter in ihren Bann zieht und in den nächsten Augenblicken nicht mehr loslässt. Jede Pore der grobmaschigen Leinwand scheint von innen heraus zu leuchten. Die Farbpalette des Bergmassivs reicht vom sonnendurchfluteten Weiß über Grün- und Rot-Töne bis an die Nachtschatten erinnerndes Blau. Dort, wo der Bergfluss am tiefsten zu sein scheint und das Abbild des Berghangs sich im Wasser spiegelt, kreuzen sich die Blicke zweier Beobachter – des Betrachters vor dem Gemälde und des Mannes im Bild.
Die Beine des Mannes sind parallel und gerade, fest im Gelb des Weges, den er noch Augenblicke zuvor beschritt, verankert. Es ist ein Moment des Innehaltens. Jedoch bleiben die Emotionen im Verborgenen, denn das Gesicht des Mannes ist vom Bildbetrachter abgewandt. Die lichten Häuser nahe der Talsperre stemmen sich gegen das Dunkel des Abgrundes auf der Talseite. Um dem unheimlich anmutenden Hang zu entkommen, wandert der Blick rasch zur Bildmitte, um sich sogleich auf dem glatten Spiegel des azurblauen Wassers auszuruhen.
Die Flächigkeit des Wasserspiegels, aller Merkmale eines fließenden Gewässers beraubt, kontrastiert mit der Farben- und Formenvielfalt des Bergmassivs. Mitten durch das Bildgefüge biegt sich eine Staumauer. Durch die Gliederung in einzelne, autonome Elemente, erinnert das Bild an eine Collage. Schaut man sich die Talsperre genauer an, erkennt man Bögen, die das Gewicht des hellen Betons in den Untergrund ableiten. Ähnliche Talsperren, die lediglich in ihrer Bauart, Länge und Höhe variieren, könnte man überall auf der Welt finden. Jedoch sind der abstrakte Wert des Wassers, die beinahe traumartige Farbigkeit und die perspektivischen Verschiebungen im Bildraum Indizien dafür, dass es sich um keine reelle Szene handelt.
Der Mann im Bild, der dem Betrachter seine Kehrseite zuwendet, ist ein traditionelles kunsthistorisches Motiv. Es ist die Rückenfigur. Sie wurde bereits in der römischen Antike verwendet. Durch die ins Bild hineinsehende Rückenfigur sollte dem Betrachter die Nachempfindung der Raum-Existenz ermöglicht und die Zweidimensionalität der Bildfläche überwunden werden.
In „Wanderer über dem Nebelmeer“ von 1818 erweiterte Caspar David Friedrich die bis dahin geltende Rückenfigur-Funktion. Willi Wolfradt, einer der ersten Forscher, die sich mit Caspar David Friedrich‘s Rückenfigur detailliert auseinandersetzten, betonte im Zusammenhang mit Friedrich‘s Bildern „eine eigentümliche Austauschbeziehung“ zwischen Rückenfigur und Landschaft. Dabei seien die beiden Größen –Natur und Mensch – stets wechselseitig bedingt und voneinander untrennbar. Joseph Leo Koerner sieht in der Rückenfigur „einen Ort der Identifizierung bzw. Vermittlung zwischen Bild und Betrachter, Natur und Bewusstsein, Endlichem und Unendlichem“.
In „Wanderer über dem Nebelmeer“ bleibt die Landschaft in dichten Nebelschwaden und weitgehend uneinsehbar. Dagegen scheint die Landschaft in „Flucht in die Berge“ sich vor den Augen des Betrachters regelrecht auszubreiten. Doch der Schein trügt: bereits beim ersten Hinsehen fällt die dunkle Verborgenheit des Abgrundes hinter der Talsperre auf. Was in der Finsternis des Abgrundes auch sein mag, es wird dem Betrachter stets verborgen bleiben.
Thomas Beecht befreit die Rückenfigur von ihrer traditionellen Pflicht der Raum-Erzeugung. In „Flucht in die Berge“ besteht die dargestellte Bildwelt aus einem heterogenen Raum. Das Bild enthält zwar einen räumlichen Wert, wie die Bauten am Fuße der Gebirgswand oder die, in das Bildinnere führende, Talsperre, hat jedoch in ihrer Gesamtheit einen abstrahierenden Charakter. Und genau dieser Moment irritiert: Die Rückenfigur, von welcher der Betrachter die Aufhebung der Zweidimensionalität des Bildraums erwartet, wird unwillkürlich als ein Bestandteil dieser ambivalenten Bildwelt akzeptiert. Diese Besonderheit erweckt den Eindruck einer räumlichen und zeitlichen Universalität, sie lockt den Betrachter und fesselt seinen Blick. (als PDF zum Herunterladen mit Literaturhinweisen)



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Ralf Zöller: Auslöschung

Es gibt in Bunuels Film „Belle de Jour“ einen japanischen Bordellgast, der mit seiner mitgebrachten, ominösen Holzschachtel die erotischen Fantasien des Publikums befeuert.
Die Türen schliessen sich vor den erwartungsvollen Blicken.
Was sich in der Schachtel verbirgt, bleibt ein Geheimnis.

Hier gibt es keine Türen.
Alles liegt offen vor dem Betrachter.

Bezüge zu einer Bild-Ikone der Romantik drängen sich in Anbetracht des Gemäldes von Thomas Beecht ebenso schnell auf, wie die ungewöhnliche Farbgebung ganz andere kunstgeschichtliche Ariadnefäden auswirft.

Und so übersieht man im Geflecht der Bezüge leicht die Holzschachtel, die der Beechtsche Reisende von Bunuels japanischem Gast als Staffelläufer übernommen hat.
Wenn man genau hinsieht, ist man nicht überrascht, dass sie ein eigenes Licht hat.
Sie leuchtet gewissermaßen von innen.
Sie tarnt sich nur unbeholfen als altertümlicher Koffer.
Welches Reisegepäck sollte sich auch in ihrem Inneren konzentrieren.

Ist es überhaupt ein Reisender? Ein Wanderer sicher nicht.
Kommt er, geht er? Fußlos.
Ein Überlebender, ein Flüchtling ?
Wirft er vielleicht nur einen letzten Blick zurück?

In diesem Koffer, das ist sicher, konzentriert sich alles Gewicht und alle Leere.
Er ist hausgroß und zugleich Grundstein.

Ein Sprengmeister mit seinem Zündkasten.

Was sich dem Blick des C.D. Friedrichen’ Wanderers entzieht, ist ja nicht anderes als die Zerstörung, die jedem menschlichen Blick folgt.
Unter dem Nebelmeer leuchten schon immer die Farben der Tourismusindustrie.
Deshalb singt das Lied der Berge von jeher von Auslöschung.

Und für einen kurzen Moment weiß man, was unser Betrachter mit sich trägt.

Ralf Zöller, 2010


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